Aussagen sind Aussagen.
Kurz vor 10.00 Uhr, in einem Hamburger Büro:
Frau Barschmatz hat ein Gespräch mit ihrem Vorgesetzten, für den sie eine Präsentation vorbereiten soll. Als sie die Tür schließt, frage ich, was mit ihr los ist. “Die Präsentation gefällt ihm nicht. Er findet meine Arbeit Mist.”
“Hat er das so gesagt?”
“Nein, weiß nicht mehr, ich arbeite nicht gut genug.”
“Was hat er denn genau gesagt?”
“Ach, ist doch egal, die ganze Präsentation ist für den Eimer, ich muss alles neu schreiben.”
Ich gehe zu Herrn Christian und frage, was er über die Präsentation gesagt hat, seine Antwort:“Folie 7 und 9 fand ich unübersichtlich, Folie 12 war eine falsche Schrift und die Grafik zum neuen Produkt war gar nicht vorhanden.”
Interpretation. Eine anstrengende Falle.
Nicht nur Frau Bartschmatz ist gefangen in der selbst aufgestellten Falle, ihr Gegenüber nimmt sie u.U. gleich mit. Selbstverständlich ist das oben beschriebene Beispiel lapidar, doch die Wirklichkeit ist noch viel lustiger:
Aus
“Ich mag das Kleid nicht.” wird ein “Du bist zu dick.” , aus
“Achtung, die Ampel ist rot.” wird ein “Du kannst kein Auto fahren.” und aus
“Ich bin mit Ihrer Terminquote nicht zufrieden.” wird ein “Sie sind unfähig, ihren Job zu machen.”.
In etlichen Seminaren wird gelehrt, der Sprechende möge Bewertungen außen vor lassen und ausschließlich Fakten nennen. Prima. Bringt aber nur die Hälfte, wenn alle Beteiligten richtig spielen, sonst wird es auf Dauer extrem anstrengend.
Ein schöner Tipp, nach meinem Tweet kam von Julia Dombrowski, mit Genehmigung hier der Text:

So und nicht anders. Wie schwer machen Sie sich das eigene Leben, indem Sie ständig glauben zu hören, was der andere wirklich sagen will, wirklich meint, ihnen wirklich mitteilen möchte?
Nun mögen Sie darauf verweisen, dass es in der Tat Menschen gibt, die nicht sagen was sie meinen, schauen Sie sich aber die o.g. Sätze an, dann gibt es im Normalfall keinen Interpretationsspielraum. Fakten sind Fakten, ohne Bewertung. Die Präsentation ist nicht “Mist”, sondern genannte Folien müssen überarbeitet werden, nicht mehr.
Ratgeber über Ratgeber: Wie interpretiere ich die Körpersprache, die Mimik, das Gesagte, das Geschriebene. Das alles kann gut sein, im Gesamtwerk, aber wer ständig und dauernd interpretiert, und dann auch noch falsch, macht es seiner Umgebung verdammt schwer, denn was passiert?
Der “Hörende” ist beleidigt, zieht sich zurück oder ist demotiviert, der “Sagende” merkt das… und interpretiert im schlimmsten Fall auch.
Interpretationsspirale. Man kann sie stoppen.
Wenn Sie merken, Sie interpretieren und es genau wissen wollen, dann gibt es einen einzigen direkten Weg. Ohne Umschweife, ohne Schnörkel, ganz gerade: Stellen Sie eine Frage, z.B.: “Herr Christan, finden Sie meine Präsentation für den Müll?”
Das ist fair und offen, die Beteiligten haben eine Chance eine Vertrauensbasis herzustellen, auch um sicher zu sein, dass es keiner Interpretation bedarf.
Und wenn die Aussagen nicht klar sind?
Fragen Sie.²
Was meinen Sie mit “Ich finde ihre Listen gewöhnungsbedürftig.” oder “Was meinen Sie konkret?”.
Hören Sie auf, ständig “zu glauben, zu vermuten oder anzunehmen” und stellen die Kommunikation auf ein möglichst sicheres Fundament. Das ist am Anfang nicht immer leicht, viele Fragen sollten gestellt werden und es bedarf einiger Übung. Und es funktioniert. Sehr sicher!
Dazu gibt es auch eine schöne Übung - die sich
“da liegt ein Apfel” nennt.
“Da liegt ein Apfel” ist eine schlichte Feststellung.
Der Mann der reinkommt denkt: Oh ein roter Apfel, dabei weiß der/die Einkaufende doch, dass ich die grünen Äpfel lieber mag
Das Kind denkt: Oh ein Apfel, dabei wollte ich doch Schokolade
Die Frau denkt: Oh ein Apfel und das wo ich Bananen viel lieber mag
und so weiter und so fort - jeder ist mit seiner Interpretation beschäftigt.
Dabei liegt da einfach nur ein Apfel auf dem Tisch ;)
P.S.: Kann man üben
Sehr schön :-) Das erinnert mich an den Beginn meiner Karriere als freier Texter. Einmal sagte ein Kunde zu mir: “Der Text gefällt mir überhaupt nicht!” Ich war schockiert, traute mich dann aber doch, nachzufragen, was ihm am Text nicht gefällt. Es stellte sich heraus, dass ihm ein Begriff und eine Formulierung missfielen, und nachdem ich diese ausgetauscht hatte, war der Text plötzlich “super!” Na super, sagte ich mir, warum hat er das nicht gleich gesagt?
Fazit: Erst fragen, dann zuschlagen ;-)
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